Hoffnung

Nach einem Gespräch mit einem SVP-Gemeinderat auf dem Markt in Oerlikon überlegte ich mir, ob ich irgendetwas gegen die Enge des Bildausschnittes tun könnte, der aus der Ausschaffungsinitiative spricht. Ich beschloss dann, auch einen Verfassungsartikel vorzulegen, schrieb einen „Gegenvorschlag“, der den Blick auf die Frage etwas erweiterte und schickte ihn der Kulturredaktion des „Tages-Anzeigers“. Dort erschien er am 1.11., und ab dann trat er einen Gang an, der mich in Erstaunen versetzte.
Er wurde von vielen, die ihn gelesen hatten, kopiert und weitergereicht, er machte als E-Mail-Attachment die Runde, fand Eingang in Predigten, Pfarrblätter und Facebook, in Schulhäuser, Klassenzimmer und Grossraumbüros, er schlich sich als Leserbrief in die Zeitungen, es gab spontane Sammlungen, damit er als Inserat erscheinen konnte, in Gemeindeanzeigern, Tageszeitungen und Gratisblättern, viertelseitig, halbseitig, ganzseitig, zum Teil mit den Unterschriften derjenigen, die die Publikation mittrugen, zum Teil wurde eine Anzeige auch von Einzelnen bezahlt, Schülerinnen und Schüler, die etwas beitragen wollten, „weil wir noch nicht abstimmen dürfen“, verteilten ihn in Trams und Bussen, Studentinnen und Studenten klebten ihn frühmorgens auf die Titelseiten der Gratiszeitungen oder hängten ihn als handgeschriebenes Plakat auf, eine Frau vergrösserte ihn auf Weltformat und stellte sich damit auf den Marktplatz, um mit den Leuten zu diskutieren, mein Nachbar brachte ihn von einem Café nach Hause, in dem er als Tischset gebraucht wurde, eine Schulvorsteherin ergänzte ihn um einen weiteren Artikel, der die ausländischen Schulkinder mit einbezog, meine Mailbox füllte sich so schnell, dass mir der Provider den Speicherplatz erweiterte, die Rückmeldungen rührten an mein Herz, eine Frau schrieb mir, ihr seien im Zug die Tränen gekommen, als sie das „20Minuten“-Inserat gesehen habe, ein Gymnasiast schrieb, er habe meinen Gegenvorschlag in „seine persönliche Verfassung“ aufgenommen – ich bin überwältigt.
Wie immer die Abstimmung ausgeht, ich weiss, dass es auch eine andere Schweiz gibt, eine Schweiz jenseits von xenophobem Donnergrollen, wie immer die Abstimmung ausgeht, ich werde die Hoffnung nicht verlieren.

Franz Hohler

und hier noch eine ganz persönliche Nachricht

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